Der Sprung ins kalte Wasser. Wie wir mit den Eisbademeisters 35.000€ für den guten Zweck sammelten

Wie seid ihr nur auf diese verrückte Idee gekommen, will die TV-Reporterin neugierig wissen. Die Kamera läuft, das Mikrofon ist ausgerichtet und der eine oder andere Beobachter lugt neugierig durch das Fenster des Vereinshauses. Es ist einer dieser nasskalten Januarvormittage, die mich früher so frustriert haben.

Früher, als ich die Kälte noch verachtete, weil ich nie richtig mit ihr warm wurde. Ich drücke innerlich für eine Sekunde auf Pause und beobachte die Szenerie. Zoome raus. Versuche kurz zu realisieren, was hier eigentlich abgeht.

Wir befinden uns im Rostocker Plattenbauviertel Toitenwinkel auf dem Hof des Obdachlosenhilfevereins und führen eine Pressekonferenz durch. Wir übergeben einen Scheck in Höhe von 10.000€ an die Verantwortlichen des Kältebusses. Alle sind sie gekommen, um zu berichten. TV, Radio, Funk und Tageszeitung. Schließlich sind gute Nachrichten rar in dieser dunklen Krisenzeit, die gerade für die Obdachlosen in vielen Städten zur echten Belastungsprobe wird. Es wird in die Hände geklatscht, Fotos werden gemacht, Instastorys gedreht.

Eine Stunde später schwimme ich mit meinen Eisbademeisters-Buddys Jörn und David in der eiskalten Ostsee vor Hohe Düne. Die TV-Teams brauchen noch ein paar Moodshots. Das tiefblaue Wasser färbt die Haut rot. Wir sind in unserem Element. Dankbar für die vielen Supporter. Happy, dass wir tatsächlich die 10k auf diesen Scheck schreiben durften. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es kommen noch einmal 5000€ bis Ostern in Rostock dazu und auch die Hamburger hauen nochmal richtig rein und erreichen am Ende 20.000€.

Chronik einer eiskalten Fundraising-Aktion oder: Wie aus einer Schnapsidee ein Medienereignis wurde

Es ist der 21. Januar 2020, als ich mit unserer altehrwürdigen Familienkutsche, von den Kindern liebevoll Harry genannt, nach Schwerin rolle, um meinen neuen Job anzutreten. Dieser Neuanfang wird jedoch nicht der einzige Sprung ins kalte Wasser im Winter bleiben.

Meine neue Company MANDARIN residiert im „Haus am See“ in der verträumten Müßer Bucht, die Touristen und Eingeborene gleichermaßen zu einem erfrischenden Bad einlädt, wenn der Sommer den Frühling nach Hause schickt.

Ich finde mich völlig überraschend schon im Februar im Schweriner See wieder, dem tollkühnen Beispiel meines neuen Kollegens Jörn naiv folgend. Der Kälte trotzend. Als Jung` von der See kann ich es natürlich nicht auf mir sitzen lassen, dass dieser aus Essen zugezogene Badeconnaisseur hier Welle macht.

Der Winter geht, Corona kommt. Aus Büro wird Home Office und aus dem Schweriner See die Ostsee. In die zieht es Bullifahrer Jörn folgerichtig, als er im Frühjahr wieder einmal an der Ostseeküste parkt und ins Gespräch kommt mit einem betagten Eisbader. Gesund sei das. Und überhaupt, glücklich mache das. Also nicht lang schnacken, rein bis zum Nacken. Sich selbst überwinden, einfach mal machen.

Foto: Ostsee-Zeitung

Wie man einen kühlen Kopf behält, wenn die Stimmung zu kippen droht

Der Virus weht über das Land wie ein Sturm. Nur in Mecklenburg-Vorpommern sehen die Werte noch vergleichsweise gut aus. Im Frühherbst fahren Jörn und ich nach einem gemeinsamen Strategie-Workshop bei der IHK zu Schwerin, an den Warnemünder Strand. Springen ins kühle Nass und festigen eine neue gemeinsame Tradition: Baden und anschließend Fischbrötchen dinieren bei unserem Lieblingsimbiss „Fisch Royal“.

Wir scherzen noch darüber, wie lange wir wohl in diesem Winter reingehen können. „Na durchgehend“, meint Jörn nur trocken und beißt in das Matjesbrötchen. „Natürlich“, sage ich vorsichtig nickend und hoffe insgeheim, dass es ein Joke ist. Weit gefehlt.

Wie aus einer Schnapsidee eine Kampagne wird

Natürlich sind wir nicht die einzigen Eisbader. In Warnemünde springen die „Seehunde“ seit Jahrzehnten in die kalten Fluten. Und auch in anderen Teilen des Landes gönnt man sich den besonderen Bioschock. In Berlin sind es die Icedippers, auf Fehmarn spurtet Agenturleiter Mirko Kaminski ins Blaue und auf Usedom erfreut sich Ex-Bild-Chef Kai Diekmann an der belebenden Kälte des Wassers. Über Facebook und Twitter sind wir mit den Icebathing-Dudes schnell in Kontakt.

An einem denkwürdigen Oktoberabend im Rostocker Lokal „Pleitegeier“ beschließen wir, die neue Aufmerksamkeit für das Eisbaden für eine gute Sache zu nutzen. Auch Kai Diekmann sammelt für den guten Zweck. „Und ihr habt dann ja nochmal einen drauf gesetzt,“ verrät er mir später in meinem Podcast „New Work Chat“.

Wir entscheiden uns dafür, Spenden für den Kältebus Rostock zu sammeln – und zwar bis Silvester. Das Motto ist: Wir frieren, damit andere nicht frieren müssen.

Am 25.11. setzt Jörn eine Aktionsseite auf dem Spendenportal „Betterplace“ auf und über Nacht wird der Hashtag geboren, der unserer Aktion einen prägnanten Titel verleiht: #wirspringenfürwärmeinskaltewasser.

Wir erhoffen uns 1000€, teilen den Start breitschultrig auf Facebook, Twitter und Instagram – und rasten schon am zweiten Tag aus:

„Jemand hat tatsächlich 500€ in den Topf gehauen. Wahnsinn! Geht da etwa noch mehr?“

Schnell stellt sich raus, dass Mirko Kaminski, CEO der Hamburger Agentur Achtung! und seines Zeichens Fehmarner Stegspringer Nummer 1, uns eine gehörige Starthilfe verpasst hat. Auch er wird den Winter durchziehen und schnackt mit mir später in meinem Podcast über die Faszination des Eisbadens.

Mittlerweile ist auch Arbeitskollege David fest mit im Team und dreht kleine Spots unserer Eisgänge, die extrem gut ankommen.

In den nächsten Wochen geht unser Hashtag regional viral, wir freuen uns über breite Unterstützung von u. a. SUP-Profi Denny Kambs, der mit Feine Sahne Fischfilet-Sänger Monchi tatkräftig mit sammelt.

Foto: Gunnar Rosenow

Auch in anderen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns und selbst in der Hauptstadt folgt man unserem Aufruf, springt ins kalte Wasser und sammelt Spenden. Ja sogar in Frankreich wird in den eisigen Atlantik gesprungen.

Wir haben mittlerweile ein eigenes Logo, stickern die Stadt zu und erreichen am 31.12. tatsächlich die sagenhaften 10.000€ für den Kältebus der Obdachlosenhilfe Rostock.

Von NDR über Antenne MV und Ostseewelle bis Ostsee-Zeitung, PISTE, 0381 Magazin, TV Rostock, MV 1 und Antenne MV – alle berichten über unsere Aktion. Wir freuen uns darüber und stellen klar: Es geht nicht nur ums Eisbaden, sondern um den guten Zweck.

Das Geheimnis scheint in der positiven Stimmung zu liegen, die wir verbreiten – und die im Corona-Winter 2020/21 vielerorts fehlt. Zuschauer beobachten vergnügt, wir wir uns bei Minusgraden aus den Klamotten schälen, um in die frostigen Fluten zu springen. Tatsächlich habe ich selten so viel gelacht, denn eins steht fest:

Eisbaden macht happy!

Hier der Bericht des NDR, der auch in der ARD-Mediathek zu finden ist.


Im „Wellenrauschen“ Podcast erzählt Eisbademeister Jörn die Story noch einmal in aller Ausführlichkeit.

Anfang Januar übergeben wir dem Rostocker Obdachlosenhilfeverein den symbolischen Scheck über 10.000€. Alles irgendwie unwirklich. Kameraleute und Reporter laufen durcheinander. Wir sind happy und erzählen nochmal, warum und wie. Mit den Geldern wird der neue Kältebus ausgerüstet, inklusive neuer Innenausstattung und Markise für den Außenbereich. Auf unserem Instagram Kanal berichten wir über den Fortschritt.

Hamburg macht mit!

Auch in Hamburg geht man eisbaden, allerdings nicht in der See, sondern im Fluss. Samstags laden die Eisbademeisters Hamburg an den Strand bei Övelgönne, um in die Elbe zu springen. Team Hamburg ist top motiviert, organisiert schnell eigene Hoodys, verkauft Patches am Strand, stellt Eisbademeisters- Boflags auf und bindet auch die Polizei aktiv mit ein. Das Interesse in Hamburg ist riesig.

Federführend aktiv ist die gute Katharina Lohse, die uns mehrfach in Warnemünde besucht. Aber auch wir statten den Eisbadern von der Strandperle einige Male einen Besuch ab und geniessen das einmalige Hafenambiente.

Nicht nur der NDR ist Dauergast und berichtet mehrmals. Auch SAT.1 lässt sich nicht lumpen.

ZEIT online, das FINK Magazin und die Hamburger Morgenpost sind nur einige der Medien, die die Aktion teilen und berichten über die wunderbare Kooperation mit dem Verein Hanseatic Help, der sich für Obdachlose in der Hansestadt engagiert.

Ach ja und auch die BILD berichtet. Was wir also insgesamt an Reichweite erzeugen ist unglaublich. Den Mediawert würde ich gern mal in Summe wissen.

Mehr als 20.000 € kommen in Hamburg am Ende zusammen.

Ist eisbaden lebensgefährlich?

Durch den Hype kommt auch die DPA auf uns zu und interviewt uns, als ein Eisbader in Warnemünde tödlich verunglückt. Er war über 70 und ging seit Jahrzehnten mit den „Seehunden“ eisbaden. Auch in Berlin stirbt ein Eisbader. Ist es am Ende leichtsinnig, bei 1,5 Grad in die Ostsee zu gehen?

Wir weisen immer wieder darauf hin, dass man gesundheitlich fit sein muss. Und dass es eben keine Mutprobe ist. Dass es nicht darum geht, irgendwem etwas zu beweisen.

Ab Januar im Einsatz für die Rostocker Tafel

Nachdem wir am 31.12. abbaden muss am 1.1. natürlich angebadet werden in Warnemünde. Wir wollen noch einmal loslegen und entschließen uns, für die Tafel in Rostock zu sammeln, wenn gleich die Spendenbereitschaft im Januar sich ETWAS anders anfühlt als in der Weihnachtszeit.

Wir bekommen u.a. Besuch von den Rostock Seawolves, die gemeinsam mit der OSPA 800€ sammeln und spenden. Klasse!

Und auch der FC Hansa Rostock unterstützt uns, kommt beim Eisbaden vorbei und sponsert Handtücher und Mützen für den Förderverein der Tafel.

Irgendwann zu Ostern haben wir noch einmal 5000€ für die Tafel und den Förderverein gesammelt und sind ein bißchen stolz, den WInter durchgebadet zu haben. Und ganz ehrlich, die 1,5 Grad waren dann zwischendurch wirklich der Hammer. But we did it. Gemeinsam. Allein nie im Leben.

Finito. Das wars in Rostock. Aber noch nicht in Hamburg.

Während wir in Rostock die Offseason einläuten gehen die Hamburger auch im April und Mai weiter baden. Schließlich sind die Wassertemperaturen noch einstellig und Spendenideen noch zahlreich am Start. Katharina Lohse und Co gehen in Hamburg weiter ihrem Badejob nach und sammeln u. a. für den Wünschewagen. Erst am 15. Mai verabschieden sie sich in die Sommerpause. Grandios!

Was bleibt und was kommt?

Eins steht fest, Wir freuen uns auf die nächste Saison, die wir im November einläuten werden. Wir sind noch nicht sicher, wofür wir sammeln wollen und mit wem wir beim nächsten Mal zusammen arbeiten wollen, aber wir haben definitiv Bock!

Daher würden wir uns freuen, wenn ihre eure Ideen einfach mal einkippt. Schreibt uns gern und lasst uns wissen, was ihr denkt.

Geht dazu gern auf www.eisbademeisters.de oder auf www.instagram.com/eisbademeisters und www.instagram.com/eisbademeisters_hamburg.

Wir haben auch noch eine Facebook Gruppe für Rostock und eine für Hamburg. Gern könnt ihr auch dort dazu kommen und mitschnacken.

Ein schönes Andenken an unseren ersten Winter habe ich in unserem MANDARIN Office im Warnemünde DOCK INN hängen. Auch wenn hier nur zwei von über 50 Eisbademeisters zu sehen sind. Es wird mich immer daran erinnern, wie wir den Sprung ins kalte Wasser wagten, die Komfortzone verliessen und gemeinsam etwas Großes auf die Beine stellten.

Selbstverständlich bleiben wir dem Obdachlosenhilfeverein Rostock und dem Förderverein der Rostocker Tafel zukünftig verbunden. Zu Ostern wurde ich selbst Mitglied im Verein und freue mich, auch in den warmen Monaten mitzuhelfen.

DANKE

Bedanken möchte ich mich im Namen der Eisbademeisters Rostock und Hamburg, also Jörn, David, Katharina und meiner Wenigkeit, bei all den Spendern, all den Supportern, die es auf Social Media geteilt haben, allen Medien, die darüber berichtet haben, allen mutigen Eisbadern und allen Freunden, die es einfach verfolgt haben.

Wir haben extrem viel gelernt.

Und wir würden gern noch mehr draus machen.

Eisbademeisters goes global?

Wir bekamen tatsächlich Anfragen aus anderen Teilen Deutschlands und wir würden das gern im nächsten Winter auch alles noch etwas größer aufziehen. Natürlich zu 100% für den guten Zweck.

Insofern: Lasst uns gemeinsam etwas COOLES planen und umsetzen!

#wirspringenfürwärmeinskaltewasser 💯

PS: Bis zum November könnt ihr gern die Zeit sinnvoll überbrücken und im Onlineshop unserer Freunde von HEIMATMEER die offizielle Eisbademeisters Mütze shoppen. Hier geht’s lang.

Gabriel Rath

Ich bin Gabriel, Rostocker Jung`, verheirateter Vater von 3 kleinen Töchtern und kreativer Kopf mit einer Vorliebe für Digitale Kommunikation und New Work. Seit 2018 mache ich den Podcast "New Work Chat". Hier im Blog schreibe ich über mein Leben zwischen Kinderzimmer und Digital Workplace.

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