Flucht in die Freiheit. Die unglaubliche Story des Peter Döbler

3. Oktober 1989. Ich bin 9 Jahre alt.

Wir leben in Rostock, in einem Land, von dem meine Kinder in den Geschichtsbüchern lesen werden. Einem Land, das geteilt ist, seit ich denken kann.

Wir wohnen in der Seestraße in Warnemünde. Am Tag ist unser Strand der größte Spielplatz der Welt.

Wenn es Nacht wird verwandelt er sich in einen bewachten Grenzstreifen.

Dann sitzen Soldaten der NVA in ihren Wachtürmen und halten Ausschau. Sie sollen die Flucht verhindern von denen, die bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Mehr als 5.600 DDR-Bürger:innen versuchen es in mehr als 40 Jahren über die „Staatsgrenze Nord“. Hunderte kommen ums Leben oder verschwinden in den dunklen Gefängnissen der Stasi.

Peter Döbler jedoch lässt sich davon nicht abschrecken.

Seit seinem Medizin-Studium spürt er die Ungerechtigkeit der DDR Diktatur am eigenen Leib und wünscht sich nur eins:

Die Flucht hier raus.

Ein dreiviertel Jahr bereitet er sich intensiv vor, schwimmt auch im Winter regelmäßig 20 Kilometer in der Ostsee von Kühlungsborn nach Warnemünde, macht Kraftsport und vor allem: autogenes Training.

Er will sein Unterbewusstsein mit positiven Gedanken steuern. „Ich schaffe das! Nicht aufgeben! Kurs Nordwest! Es gibt kein Zurück!“

Er studiert Strömungen und Windverhältnisse und beschafft sich Informationen über die Grenzboote und ihre berüchtigten Scheinwerfer, die das Meer auf Kilometer ausleuchten können.

Im Juli 1971 ist es soweit. Gegen 16:30 Uhr versteckt Peter seine Sachen am Strand von Kühlungsborn – und schwimmt los.

Es wird langsam dunkel, aber er hat seinen Kompass dabei und orientiert sich an den Sternen.

Den Neoprenanzug hat er von einem westdeutschen Bekannten „organisiert.“ In seinem Gürtel führt er Schmerzmittel und, wasserdicht verpackt, seine Zeugnisse mit, um in der Bundesrepublik Deutschland weiter als Arzt arbeiten zu können.

Um 23 Uhr finden die Grenzsoldaten seine Kleidung in den Dünen und schlagen Alarm.

Sie starten eine Hetzjagd und schicken Kampfschwimmer in die finstere See.

Gegen Mitternacht sind sie in der Nähe. Peter kann die Motoboote hören. Die Suchscheinwerfer leuchten über die Wasseroberfläche. Die Grenzsoldaten haben jetzt die Berechtigung, auf den „Staatsflüchtling“ zu schießen.

Doch er taucht ab und rettet sich ins offene Meer – wo ein Gewitter aufzieht.

Er schwimmt und schwimmt und schwimmt – bis die Sonne aufgeht.
Ein neuer Tag. Eine neue Hoffnung.

Am Nachmittag erreicht er völlig erschöpft nach 25 Stunden und 45 Kilometern Fehmarn.

Die Freiheit.

50 Jahre später höre ich einen Podcast, in dem Peter zu Gast ist. Er berichtet von seiner legendären Flucht, die er nur durch seinen Glauben an sich selbst geschafft habe. Von seinem glücklichen Leben als Arzt in der BRD und seiner unbändigen Freude, als die Mauer fiel.

Es war die längste Strecke, die je ein DDR-Flüchtling schwimmend überwand.

Was verbindest du mit der Grenze und dem Mauerfall?

PS: Hier der Podcast mit Peter von 2021:

Und hier das Buch „Kurs Nordwest“ mit einem Vorwort von Marteria. Gibt´s zum Beispiel hier.

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